Startseite

Warum soll ich eigentlich Latein lernen?

Diese Frage stellen sich sicher viele Schüler, die vor der Aufgabe stehen, sich für eine zweite Fremdsprache entscheiden zu müssen. Viele sagen: "Kein Mensch spricht Latein!" oder "Die Sprache ist doch schon lange tot!", "Ich lern lieber eine Sprache, die ich im Urlaub sprechen kann." oder "Das ist viel zu schwer." Sicher, man kann nicht nach Rom fahren, sein Latein hervorkramen und erwarten, dass ein moderner Römer versteht, was man von ihm will. Aber wenn man einen soliden Wortschatz hat, kann man sicher manches Italienische verstehen (wenn es geschrieben ist, denn sie sprechen doch etwas sehr schnell). Latein ist nämlich gar nicht so tot, wie es aussieht, denn es ist die Mutter vieler schöner Töchter, nämlich anderer europäischer Sprachen. Bei den romanischen Sprachen (u.a. Französisch, Spanisch, Italienisch) stammt z.B. ca. 90% des Wortschatzes aus der Muttersprache Latein, bei Englisch sind es immerhin noch 50-60%. Hier mal ein paar Beispiele:

Latein Italienisch Französisch Spanisch Englisch Deutsch
vinum il vino le vin el vino wine Wein
humanitas l' umanità l' umanité la humanidad humanity Humanität

Kenntnis des lateinischen Wortschatzes und auch der Grammatik hilft also ungemein beim Lernen weiterer Fremdsprachen, die man dann auch zum Kommunizieren verwenden kann.

Auch in der deutschen Sprache steckt eine Menge Latein. Viele Fremdwörter, die wir tagtäglich verwenden, aber auch Fachbegriffe sind lateinischen Ursprungs. Hier eine sehr bescheidene Auswahl:

  • Computer - computare (ausrechnen)
  • Video - videre (sehen)
  • Addition - addere (hinzufügen)
  • Minister - minister (Diener)

Wer Latein lernt, lernt also auch den Umgang mit Fremdwörtern und kann sich Fachbegriffe, z.B. im Biologieunterricht, besser erschließen. Außerdem ist erwiesen, dass Schüler, die Latein in der Schule lernen, auch die deutsche Grammatik besser verstehen und ein gutes Textverständnis aufweisen (in Zeiten von PISA ist das doch nicht zu verachten).

Auch für die weniger "sprechbegabten" Fremdsprachenlerner hat Latein einen Vorteil: man spricht es, wie man es schreibt. Alle Laute sind aus dem Deutschen bekannt und es gibt nur wenige Ausspracheregeln zu beachten. Da es nicht unser Ziel ist, mit einem antiken Römer Smalltalk zu halten, lesen wir zwar die Texte laut, sprechen aber im Unterricht deutsch.

Durch das präzise Übersetzen, wird vom Schüler Genauigkeit gefordert. Das ist anstrengend und braucht Druchhaltevermögen, weil man genau hinsehen muss, hat aber einen großen Nutzen. Latein ist nämlich eine sehr knappe, sparsame Sprache, bei der jede Form eine spezielle Bedeutung hat. Man fühlt sich wie ein Detektiv in der Ausbildung - man lernt genaues Hinsehen, logisches Denken und trainiert das Abstraktionsvermögen. Diese geforderte Genauigkeit, Stetigkeit und Disziplin will so gar nicht in unsere reizüberflutete Umwelt passen, in der alles oberflächlich und austauschbar scheint. Aber gerade dieser Strom gegen den Trend macht Latein so reizvoll.

Doch Latein kann noch viel mehr bieten als "nur" die sprachliche Seite. Latein an sich ist ein Kulturfach, das den Schülern die Wurzeln der europäischen Kultur offenlegt, damit sie dadurch die Gegenwart besser verstehen. Da wird im Unterricht die antike Wasserversorgung mit der heutigen verglichen, geschaut, wie sich antike Architekturelemente in der näheren Umgebung finden lassen, welchen Ursprung eigentlich Redewendungen wie "Ein Fass ohne Boden" oder die "Sisyphusarbeit" haben und vieles, vieles mehr.

Wer kann also Latein lernen? Jeder, der das Gymnasium schaffen kann, kann auch Latein schaffen. Wer aber Spaß am Lesen und Lernen und der Arbeit mit Sprachen hat, bringt gute Voraussetzungen.

Und was hat man letztlich von der ganzen Arbeit? Das Fach Latein benötigt vielleicht mehr Arbeitsaufwand als manch anderes Fach, aber man kann stolz auf sich sein, wenn man zum Schluss das LATINUM in der Tasche hat. Dies ist ein akademischen Abschluss, der an jeder Universität anerkannt wird. Es öffnet die Türen zu vielen Studiengängen und wer das Latinum aus der Schule mitbringt, spart wertvolle Zeit an der Uni.